Jennifer Rostock - Deiche
Stories

Jennifer Rostock — Deiche

By on Mai 31, 2017

Dies ist eine fik­ti­ve Geschich­te zu »Dei­che« von Jen­ni­fer Ros­tock.

Der Song »Deiche«

Die Geschichte

Es ist Nacht. Die Stra­ßen sind leer.

»Ich fall mit der Tür aus dem Haus raus
Ich lauf, jeder Schritt wir­belt Staub auf«

Sie geht die Stu­fen vor ihrem Haus hin­un­ter, streift die Kapu­ze über ihren Kopf und steckt ihre Hän­de in die Jacken­ta­schen.

»In mir ein Meer, das sich gegen den Stein schmeißt
Das mit Wut alle Grenz­mau­ern ein­reißt«

Sie geht die Stra­ße ent­lang und ihr Blick rich­tet sich auf den Weg vor ihr. Sie kon­zen­triert sich, ihre Hän­de in den Taschen ruhen zu las­sen, ballt ihre Fin­ger in der Tasche zu Fäus­ten.

»Ein paar Her­zen gecrasht, Brän­de gelegt
ein paar Spu­ren auf mei­nem Weg
Ist das okay? Ist das okay?«

Sie läuft eine Erhö­hung hoch, geht berg­auf.

»Was in die Brü­che geht
sieht man erst, wenn der Sturm sich legt«

Sie kann ihre Hän­de nicht län­ger in den Taschen ruhen las­sen, holt sie raus und hält sich an der Brüs­tung links von ihr fest. Sie steht auf einer Brü­cke.

»Es ist immer das Glei­che
ich brauch ruhi­ges Blut
doch die nächs­te Flut
über­schwemmt alle Dei­che
und ich kann nichts dage­gen tun«

Sie atmet tief ein, krallt sich am Gelän­der fest. Sie blickt hin­un­ter ins Was­ser und beugt sich dabei über die Brüs­tung. Der Wind fährt ihr durch die Haa­re, so dass ihre Kapu­ze vom Kopf fällt.

»Es ist immer das Glei­che
mein Kopf stellt sich quer
doch der Fluss wird zum Meer
und flu­tet die Dei­che
und ich kann nichts dage­gen tun«

Der Anblick vom Was­ser lässt sie ihren Griff lockern. So steckt sie die Hän­de zurück in die Taschen und über­quert wei­ter die Brü­cke.

»Siehst du mei­ne blu­ti­gen Hand­bal­len
vom Fal­len und vom gegen die Wand pral­len«

Sie geht wei­ter die Stra­ßen ent­lang und beob­ach­tet ihre Umge­bung. Bald ver­kramp­fen sich wie­der ihre Hän­de, sie spürt, wie sie aus den Taschen wol­len.

»siehst du, wie ich mich ver­letzt hab
mit jedem Stich, den ich dir ver­setzt hab«

Sie holt ihre Hän­de wie­der aus den Taschen, blickt sie an. Sieht wie sie sich wie­der zu Fäus­ten bal­len, wie sie gela­den sind vol­ler Ener­gie. Sie drückt ihre Fäus­te gegen ihre Brust, bleibt ste­hen und sieht auf den Boden.

»Ein paar Her­zen gecrasht, Brän­de gelegt
ein paar Spu­ren auf mei­nem Weg
Ist das okay? Ist das okay?«

Sie blickt auf und will wie­der wei­ter gehen. Sie fährt mit ihren Hän­den über alles was sie fin­den kann. Fühlt den Asphalt unter ihr, die Haus­wän­de aus kal­tem Stein. Sie strei­chelt Sträu­cher und ertas­tet die For­men von Bän­ken, von Later­nen, von allem was sie fin­den kann. Sie greift nach den Din­gen, die sie nicht ver­än­dern kann, die zu schwer, zu fest, zu fest­ge­wach­sen sind.

»Es ist immer das Glei­che
ich brauch ruhi­ges Blut
doch die nächs­te Flut
über­schwemmt alle Dei­che
und ich kann nichts dage­gen tun«

Sie dach­te das reicht. Dach­te es reicht, nur die Din­ge zu berüh­ren, statt sie zu bewe­gen, statt sie zu ver­än­dern.

»Es ist immer das Glei­che
mein Kopf stellt sich quer
doch der Fluss wird zum Meer
und flu­tet die Dei­che
und ich kann nichts dage­gen tun«

Sie gelangt an eine Müll­ton­ne. Die Ton­ne ist zu leicht, um sie nur anzu­fas­sen, sie muss sie ver­schie­ben, sie bewe­gen. Sie fin­det alte Zei­tun­gen, die sie auf dem Boden ver­teilt. Sie schiebt ein Fahr­rad von der einen Stel­le zur ande­ren. Selbst die Bank, von der sie dach­te, sie könn­te sie nicht bewe­gen, schafft sie zu ver­schie­ben.

»Es ist immer das Glei­che
ich brauch ruhi­ges Blut
doch die nächs­te Flut
über­schwemmt alle Dei­che
und ich kann nichts dage­gen tun«

Es reicht immer noch nicht, sie muss mehr tun. Sie geht zurück zu Brü­cke doch statt über sie zu gehen, steigt sie unter sie hin­durch zum Was­ser. Bückend nähert sie sich dem Was­ser, um mit ihren Hän­den das Was­ser anzu­fas­sen. Sie ver­schiebt es, fährt mit ihren Hän­den durch den Fluss und schlägt Wel­len. Sie will grö­ße­re Wel­len schla­gen, steigt ins Was­ser und zieht ihre kom­plet­ten Arme an ihrem Kör­per vor­bei, um noch mehr zu bewe­gen.

»Es ist immer das Glei­che
mein Kopf stellt sich quer
doch der Fluss wird zum Meer
und flu­tet die Dei­che
und ich kann nichts dage­gen tun«

Das Was­ser beru­higt sie. Sie liegt auf der Was­ser­ober­flä­che und starrt in die Nacht. Ihre Hän­de neben ihr ruhend.

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