Placebo - Running Up That Hill
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Placebo – Running Up That Hill

By on Februar 18, 2017

Dies ist eine fik­ti­ve Geschich­te zu dem Song »Run­ning Up That Hill« von Pla­ce­bo.

Der Song »Running Up That Hill«

Die Geschichte

Es ist Schwimm­bad­sai­son. Ich bin mit Papa und Mama im Frei­bad, doch momen­tan bin ich allein. An sich ist das okay, denn auch wenn ich immer mit mei­nen Eltern gemein­sam ins Frei­bad gehe, beschäf­ti­ge ich mich meis­tens mit mir selbst. Doch in den sons­ti­gen Fäl­len darf ich mich wäh­rend­des­sen im Was­ser auf­hal­ten. Nicht heu­te.

Nach­dem wir am Anfang unse­res Auf­ent­halts unse­re Hand­tü­cher auf der Wie­se vor dem Schwimm­be­cken aus­ge­brei­tet hat­ten, bin ich direkt ins Was­ser gesprun­gen, da ich mich schon das gan­ze Jahr auf den Som­mer und die damit ver­bun­de­nen Schwimm­bad­be­su­che gefreut habe. Mama hat­te mir noch nicht die Erlaub­nis dafür gege­ben, aber sie beschwer­te sich auch nicht. Ich schwamm meh­re­re Bah­nen und bespritz­te frem­de Men­schen mit Was­ser. Nor­ma­ler­wei­se hät­te Mama mich schon längst ermahnt, aber dies­mal schau­te sie nur etwas grim­mig, als ich in Erwar­tung auf Ärger zu ihr rüber sah.

Mama ging nicht schwim­men. Sie lag aus­schließ­lich auf ihrem Hand­tuch, wie immer. Ich habe nie ver­stan­den, war­um Mama nie schwim­men geht, wenn wir hier sind, aber sie hat wohl immer mehr Spaß dar­an nur zu lie­gen und in Zeit­schrif­ten zu blät­tern. Papa geht auch nur sel­ten ins Was­ser. Meis­tens reicht es ihm, ein­mal kopf­über in das Schwimm­be­cken zu sprin­gen, um eine Bahn zu schwim­men. Danach setzt er sich in der Regel neben Mama und liest Zei­tung – so auch heu­te.

Nach eini­ger Zeit rief mei­ne Mama mich zu sich. Bei den Hand­tü­chern ange­kom­men, trock­ne­te sie mich ab und sag­te mir, ich sol­le hier auf sie und Papa war­ten. Sie erklär­te mir, war­um sie bei­de weg gehen müss­ten, aber ich war zu sehr von den Kek­sen abge­lenkt, die ich in Mamas Hand­ta­sche ent­deck­te, dass ich rich­tig hät­te zuhö­ren kön­nen. Ich frag­te sie, ob ich wel­che haben dürf­te, aber sie leg­te die Kek­se neben mein Hand­tuch und sag­te, dass ich NOCH kei­ne essen dürf­te, erst spä­ter. Sie mach­te mir noch­mal deut­lich, dass ich auf kei­nen Fall weg gehen darf, ich sol­le hier auf mei­ne Eltern war­ten. Wenn sie wie­der da sind, dürf­te ich wie­der im Was­ser spie­len.

Sie gin­gen und seit­dem war­te ich. Ich war­te lan­ge und fan­ge an, mich zu lang­wei­len. Ich fixie­re die Kek­se und über­le­ge, doch einen zu sti­bit­zen, obwohl Mama es mir ver­bo­ten hat­te. Ich wünsch­te die Packung wäre schon geöff­net, dann hät­te sie sicher­lich nicht bemerkt, dass ein Keks fehlt. Ich ver­su­che mich von der Lan­ge­wei­le und dem Appe­tit auf Kek­se abzu­len­ken, indem ich Gras aus­rup­fe und auf dem Hand­tuch ver­tei­le. Ich fan­ge auch an, mei­ne Füße zu unter­su­chen und die Mut­ter­ma­le auf mei­ner Haut zu zäh­len. Ich beob­ach­te ande­re Frei­bad­be­su­cher, Fami­li­en mit ihren Kin­dern, wie sie gemein­sam Kar­ten spie­len oder im Was­ser toben. Ich bin ein biss­chen nei­disch auf die­se Kin­der und fra­ge mich, ob ihre Eltern sie auch so lan­ge auf sich war­ten las­sen wür­den.

»It does­n’t hurt me.
You wan­na feel how it feels?
You wan­na know, know that it does­n’t hurt me?
You wan­na hear about the deal I’m making?«

Nach eini­ger Zeit stel­le ich fest, dass das Schwimm­bad sich lang­sam leert. Es kommt mir so vor, als wären jedes Mal ein paar weni­ger Men­schen da, wenn ich ein­mal auf­bli­cke, als wür­de sich die Flä­che immer Stück für Stück lee­ren.

Ich star­re auf das Schwimm­be­cken und den­ke mir, dass ich am liebs­ten noch­mal rein sprin­gen wür­de, doch bevor Mama und Papa nicht zurück sind, geht das nicht. Ich hof­fe sie kom­men so zei­tig zurück, dass ich vor Schlie­ßung des Schwimm­bads noch­mal ins Was­ser kann.

Die Son­ne ver­schwin­det hin­ter den Häu­sern und es wird ein wenig küh­ler. Ich hän­ge mir das Hand­tuch, auf dem ich ursprüng­lich saß, über die Schul­tern und sit­ze mit mei­ner Bade­ho­se im Gras. Es sind so gut wie kei­ne Men­schen mehr um mich her­um und ich höre eine Durch­sa­ge, dass das Schwimm­bad in weni­gen Minu­ten schließt. Wo blei­ben Mama und Papa bloß? Haben sie mich ver­ges­sen? Aber Mama hat doch noch ihre Tasche hier und Papa sei­ne Zei­tung.

»You be run­ning up that hill
You and me be run­ning up that hill«

Inzwi­schen bin ich die ein­zi­ge Per­son auf der Wie­se vor dem Schwimm­be­cken. Ich ver­ste­he das nicht. Wo sind Mama und Papa? Ich habe Angst, nicht mehr aus dem Schwimm­bad her­aus zu kom­men, wenn ich es nicht vor Schlie­ßung ver­las­se. Was wür­de pas­sie­ren? Müss­te ich die gan­ze Nacht hier ver­brin­gen? Eigent­lich ist der Gedan­ke ganz cool, denn dann könn­te ich die gan­ze Nacht schwim­men. Ich habe aller­dings Angst, dass mich jemand erwi­schen und ich ganz gro­ßen Ärger bekom­men könn­te.

»And if I only could,
Make a deal with God,
And get him to swap our pla­ces,«

Ich beschlie­ße das Frei­bad zu ver­las­sen, um nach Hau­se zu gehen. Ich las­se Mamas und Papas Sachen hier, falls sie doch noch wie­der kom­men und sie suchen, und neh­me nur die Kek­se mit. Ich neh­me die Kek­se mit der einen Hand, auch wenn ich sie NOCH nicht essen darf, und hal­te mit der ande­ren Hand das Hand­tuch über mei­nen Schul­tern. Ich grei­fe es an zwei Zip­feln um mei­nen Hals. Beim Gehen fällt mir auf, dass das Hand­tuch wie ein Cape aus­se­hen muss und ich steue­re mit den Kek­sen vor­an aus dem Frei­bad, wie ein Super­held.

»Be run­ning up that road,
Be run­ning up that hill,
Be run­ning up that buil­ding.«

Ich lau­fe am Zaun des Frei­bads ent­lang und schaue von außen auf die Gras­flä­che, um noch­mal zu über­prü­fen, ob Mama und Papa doch wie­der da sein. Nach­dem ich erneut eine völ­lig lee­re Wie­se beob­ach­te, gehe ich wei­ter.

»If I only could, oh.«

Ich bin mir nicht sicher, ob ich von hier aus nach Hau­se fin­de, aber ich bin fest dazu ent­schlos­sen, es ein­fach zu ver­su­chen.

Ich bin ein paar Minu­ten unter­wegs, als mir, ein paar Stra­ßen vom Frei­bad ent­fernt, ein alter Mann auf einer einer Decke sit­zend auf­fällt. Er sitzt in einer ähn­li­chen Hal­tung auf sei­ner Decke, wie ich zuvor auf mei­nem Hand­tuch. Ich fin­de er sieht trau­rig aus. Nach­dem ich ihm ein paar Schrit­te näher gekom­men bin, erken­ne ich, dass er einen lan­gen Bart hat und sei­ne Kla­mot­ten völ­lig zer­lumpt aus­se­hen. Ich habe Men­schen, wie ihn, schon öfter gese­hen, wenn ich mit Mama in der Stadt war oder mit Papa im Fuß­ball­sta­di­on. Mei­ne Eltern zerr­ten mich in sol­chen Fäl­len immer an der Hand von ihnen weg, obwohl sie immer so aus­se­hen, als bräuch­ten sie Hil­fe oder zumin­dest Trost.

Ich tre­te näher an den alten Mann her­an, bis er mich bemerkt. Da ich nicht weiß, ob und was ich sagen soll, schaue ich ihn nur an. Statt das ers­te Wort zu ergrei­fen, starrt der Mann nur zurück. Nor­ma­ler­wei­se, wenn ich auf Älte­re tref­fe, wie Freun­de mei­ner Eltern, spre­chen die­se mich zuerst an.

»You don’t want to hurt me,
But see how deep the bul­let lies.
Unawa­re that I’m tea­ring you asun­der.
The­re is thun­der in our hearts, baby.«

Ich schaue auf die Kek­se in mei­ner Hand und über­le­ge, ihm einen zu geben. Mama hat ja nur MIR ver­bo­ten, wel­che zu essen, aber nicht, sie ande­ren anzu­bie­ten. Ich ent­schlie­ße mich schnell dazu, die Schach­tel zu öff­nen und ihm einen Keks zu rei­chen. Ich hal­te ihm die geöff­ne­te Packung ent­ge­gen und fra­ge ihn, ob er sich einen neh­men möch­te. Er nimmt sich einen der Kek­se und nickt mir zu. Dar­auf­hin fängt er an in einem Beu­tel zu kra­men und holt kurz dar­auf ein Gum­mi­band her­aus, um ihn mir zu rei­chen. Ich neh­me das Band fra­gend an, wor­auf­hin er sich an sei­nen Hals fasst und mir sagt, das Gum­mi­band sei für mein Cape. Schnell ver­ste­he ich, was er meint, und ver­bin­de zwei Zip­fel des Hand­tuchs vor mei­nem Hals.

Ich hof­fe, ich konn­te den trau­ri­gen Mann ein wenig auf­hei­tern. Mich hat er auf jeden Fall fröh­li­cher gemacht.

»So much hate for the ones we love?
Tell me, we both mat­ter, don’t we?«

Froh über das selbst­hal­ten­de Cape, flie­ge ich wie Super­man die Stra­ße ent­lang. Ich fühl mich nicht nur dadurch ein Stück mehr wie ein Super­held, son­dern auch weil ich dem Mann hel­fen konn­te, so wie es Super­hel­den auch tun. Nach einer Wei­le stel­le ich fest, nicht mehr zu wis­sen, wo ich mich befin­de. Ich habe die Ori­en­tie­rung ver­lo­ren und es wird lang­sam dunk­ler und küh­ler.

»You, be run­ning up that hill
You and me, be run­ning up that hill
You and me won’t be unhap­py.«

Ich lau­fe ein­fach wei­ter, in der Hoff­nung, wie­der an einen Ort zu kom­men, der mir bekannt vor­kommt. Inzwi­schen ist es dun­kel und ich bin in einer Gegend ange­kom­men, in der sich mehr Men­schen auf­hal­ten, als vor­her. Es scheint mir, wie ein Teil der Innen­stadt zu sein, doch so wirk­lich wis­sen, wo ich mich befin­de, tu ich noch immer nicht. Die Men­schen hier wir­ken alle nicht so ruhig, wie der alte Mann von vor­hin. Sie lau­fen hek­tisch die Stra­ße ent­lang und rem­peln mich zum Teil an.

»And if I only could,
Make a deal with God,
And get him to swap our pla­ces,«

Ich erspä­he eine Per­son am Rand der Stra­ße, die auf etwas zu war­ten scheint oder zumin­dest momen­tan nicht viel zu tun zu haben scheint. Ich beschlie­ße die Per­son anzu­spre­chen und nach dem Weg zu fra­gen, oder zumin­dest, wo wir uns genau befin­den. Am Anfang stand die­ser Mensch soweit im Schat­ten, dass ich auf­grund sei­ner Grö­ße dach­te, es sei ein Mann. Als ich näher an die Per­son her­an­tre­te, scheint sie aller­dings eine Frau zu sein. Sie hat einen glit­zern­den Rock an und ist sehr stark geschminkt. Ich bin nicht sicher, ob sie ein Mann oder eine Frau ist, aber für mei­nen Zweck tut das sowie­so nichts zur Sache.

Ich fra­ge sie, ob sie mir sagen kann, wo ich bin und noch bevor sie mir ant­wor­tet, stellt sie mir die Gegen­fra­ge, war­um ich in mei­nem Alter um die­se Uhr­zeit allei­ne, und dazu noch in Bade­ho­se und mit einem Cape um den Hals, drau­ßen spa­zie­ren gehe. Ich sage ihr, dass ich mich ver­irrt habe und sie mir even­tu­ell hel­fen kann. Schon wie­der igno­riert sie was ich sage und bemän­gelt nur, dass mir kalt sein müs­se und spricht dar­auf­hin einen ihr bekann­ten Mann neben sich an, um ihn um sei­nen Pull­over zu bit­ten. Der Mann wei­gert sich zuerst, sei­nen Pull­over aus­zu­zie­hen und ihn einen wild­frem­den Ben­gel zu schen­ken, doch nach lan­ger Über­re­dung der gro­ßen Frau, reicht er ihr den Pul­li und sie ihn somit mir. Als Dank bie­te ich ihr und dem Mann neben ihr einen Keks an. Die gro­ße Frau nimmt ihn dan­kend an und den Mann neben ihr kann ich mei­nes Erach­tens nach damit auch ein wenig besänf­ti­gen.

»Be run­ning up that road,
Be run­ning up that hill,
Be run­ning up that buil­ding,
If I only could, oh.«

Ich set­ze mich auf eine Bank an einem Spring­brun­nen auf der gegen­über­lie­gen­den Sei­te der Stra­ße. Ich zie­he den Pull­over an und das Cape dar­über. Ich habe ja immer noch kei­ne Ant­wort auf die Fra­ge mei­nes Stand­orts bekom­men, aber inzwi­schen ist es mir gar nicht mehr so wich­tig nach Hau­se zu kom­men.

»‘C’mon, baby, c’mon, c’mon, dar­ling,
Let me ste­al this moment from you now.
C’mon, angel, c’mon, c’mon, dar­ling,
Let’s exchan­ge the expe­ri­ence, oh«

Es macht mir viel mehr Spaß die inter­es­san­ten Men­schen hier zu beob­ach­ten und ihnen mei­ne Kek­se anzu­bie­ten. Bei dem Gedan­ken, bekom­me ich selbst Hun­ger und ich ent­schlie­ße mich dazu, mir einen Keks für mich zu gön­nen. Mama hat es mir schließ­lich nicht für immer ver­bo­ten. Sie hat gesagt, dass ich spä­ter einen Keks essen dürf­te und ich den­ke JETZT ist spä­ter.

»And if I only could,
Make a deal with God,
And get him to swap our pla­ces,
Be run­ning up that road,
Be run­ning up that hill,
With no pro­blems«

Ich durch­strei­fe nach mei­ner Über­le­gung wei­ter die Stra­ßen. Ich will Men­schen mit mei­nen Kek­sen hel­fen, so wie Super­hel­den den Men­schen auch hel­fen. Vie­le reagie­ren nicht auf mein Ange­bot, aber man­che neh­men dan­kend einen Keks an. Eini­ge sind ver­wun­dert, ande­re des­in­ter­es­siert und wie­der ande­re sind ein­fach nur freund­lich. Die Men­schen reagie­ren sehr unter­schied­lich auf mein Ange­bot.

»And if I only could,
Make a deal with God,
And get him to swap our pla­ces,
Be run­ning up that road,
Be run­ning up that hill,
With no pro­blems«

Nach eini­ger Zeit mer­ke ich, dass ich erschöpft bin und müde wer­de. Ich gehe zurück zu der Bank, auf der ich eben noch saß, und fan­ge an zu bereu­en, nicht wei­ter­hin ver­sucht zu haben, nach Hau­se zu kom­men. Es ist bestimmt schon längst Schla­fens­zeit und Mama und Papa suchen mich bestimmt.

»If I only could, be run­ning up that hill.«

Aber wie­so haben sie mich auch so lan­ge allei­ne gelas­sen? Ich konn­te ja nicht län­ger war­ten.

»If I only could, be run­ning up that hill.«

Es ist kalt und selbst der Pull­over hält mich nicht warm genug.

»If I only could, be run­ning up that hill.«

Ich bin so müde, dass mir immer mehr die Augen zu fal­len und ich lege mich seit­lich auf die Bank. Im Halb­schlaf bemer­ke ich, wie ein Mann auf mich zukommt.

»If I only could, be run­ning up that hill.«

Viel­leicht ist es Papa und er hat mich end­lich gefun­den.

»If I only could, be run­ning up that hill.«

Viel­leicht aber auch ein Poli­zist, der mich nach Hau­se bringt.

»If I only could, be run­ning up that hill.«

Viel­leicht ist es aber auch ein ande­rer Mann …

»If I only could, be run­ning up that hill.«

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