Column

Wer ist dieser Mitleid und wo finde ich den?

By on April 10, 2017

»Mitleid, Jane, ist von manchen Menschen ein trauriger und beleidigender Tribut, welchen man berechtigt ist, demjenigen ins Gesicht zurückzuschleudern, der ihn darbringt. Aber das ist jene Art von Mitleid, welches von harten, selbstsüchtigen Herzen gespendet wird; es ist nur ein egoistischer, bastardartiger Schmerz beim Anhören fremder Schmerzen, welcher eine Mischung von Verachtung enthält gegen jene, die sie ertragen haben.«

– Charlotte Brontë in Jane Eyre

Mitleid erregen, Mitleid erwarten, Mitleid aufbringen. Mitleid. Was soll das eigentlich mit dem Mitleid? Mitleid gegenüber Fremden ist nie wirklich wahrhaftiges Mitleid. Wie soll man auch mit jemandem leiden, den man nicht kennt, für den man nichts empfindet? Oberflächliches Mitleid als Reaktion auf unangebrachte Schmerzbekundungen sind zu erwarten bei Konversationen zwischen Fremden oder Bekannten.

Wer kennt das nicht: Man lernt eine Person kennen, auf einer Party, auf der Arbeit, wo auch immer, und mit das Erste was dieser Mensch erzählt ist eine traurige Geschichte über sein Schicksal. Oma ist tot, der Hund hat Flöhe, Wohnung gekündigt, Beruf unter- oder überfordert – Das ist wirklich schade, mein Beileid, ich wünsche dir alles Gute. Solche Gespräche bringen einem wirklich NICHTS. Weder dem Leidenden, weil er nur auf teilnahmslose Teilnahme hoffen kann, noch dem Gelangweilten Zuhörer, der sich beim besten Willen nicht in seine Situation hinein versetzen kann oder WILL!

Unter Freunden ist das natürlich etwas völlig anderes. Wirklich?

Mr. Rochester spricht im Roman von Charlotte Brontë zu Jane Eyre als ihr Vertrauter, ihre große Liebe. Aufrichtiges Mitleid von ihr ist nicht nur zu erwarten, sondern selbstverständlich, da sie ihn über alle Maßen liebt.

Bei mir verhält sich das mit dem Mitleid sowohl bei Freunden, als auch bei meinem Partner immer gleich. Mitleid kann ich aufrichtig empfinden, wenn ich mich, in die andere Lage hineinversetzt, ähnlich elendig fühlen würde; Wenn mir mein Gegenüber wirklich leid tut, ich ihm helfen möchte, es aber eventuell nicht kann, etc.

Ich kann einen Menschen allerdings noch so sehr lieb haben, wenn ich das Gefühl habe, derjenige suhlt sich so auf nicht nachvollziehbare Weise in Selbstmitleid, statt aufzustehen und etwas an seinem Problem zu ändern, kann ich kein aufrichtiges Mitleid empfinden. Ich bin auch keine Person, die dem Menschen dann falsches Bedauern auftischt, ohne es so zu meinen. Das wissen meine Freunde von mir und ich glaube auch, dass sie das an mir schätzen. Wer bei mir falsches Mitgefühl erwartet, ist wirklich an der falschen Adresse. Wer mit Kummer an meine Tür klopft, kann mir gut gemeinten Ratschlägen und Arschtritten rechnen, wenn ich das Problem als lösbar ansehe.

Natürlich könnte man jetzt sagen, dass meine Mitmenschen vielleicht einfach Trost in meiner Freundschaft suchen und jeder auch zu einem gewissen Grad zu Selbstmitleid berechtigt ist. Ich schleudere meinen Freunden ja auch nicht herzlos einen Lebensratgeber gegen den Kopf und schreie »Hör auf zu heul’n!«, aber ich bin der Meinung, dass Mitleid die Menschen weniger voran bringt als Hilfe und Ratschläge. Sensibel kann man ja trotzdem sein.

Wenn ich traurig bin und man mir ausschließlich den Schädel tätschelt, statt mich zu motivieren mein Problem zu lösen, empfinde ich das auch irgendwie als falsch. Mr. Rochester würde mein Herz trotz allem als hart und selbstsüchtig beschimpfen. Ich möchte nur bitte mal EINEN Menschen kennen lernen, der gegenüber Fremden aufrichtiges Mitleid empfinden kann. Also WIRKLICH aufrichtiges. Mitleid hat doch immer etwas mit Zuneigung zu tun, und dieses empfindet man natürlich nicht für Fremde. Oder?

Wie dem auch sei. Mitleid ist so eine Drahtseilaktbalance. Zu wenig im falschen Moment, erzürnt den Gegenüber (Wörter wie »erzürnen« entstehen im Kontext zu englischer Literatur aus der Romantik, ich bitte um Vergebung) Zu viel Mitleid kann genauso erzürnen (reicht jetzt aber mit dem erzürnen). Jane Eyre ist auf jeden Fall so eine ehrliche Seele, sie empfindet und reagiert immer genau richtig und wer nicht weiß, wie er so mit dem Thema Mitleid umgehen soll, sollte vielleicht das Buch lesen. Sie kann auf jeden Fall auch frech und direkt sein. Toller Charakter in einem tollen Buch mit wunderbaren Dialogen. (Keine Buchrezension)

TAG
RELATED POSTS
2 Comments
  1. Antworten

    Jana

    April 10, 2017

    Hallo Lena, schöner Beitrag zu Mitleid, ich finde es super, dass du so ein (nicht grad populäres) Thema aufgreifst!
    Ich weiß, was du meinst, ich bin auch keine Person, die großartig nach Mitleid heischt, während andere sich scheinbar darin suhlen und es lieben, sich über ihre alltäglichen Wehwehchen auszulassen (Kopfschmerzen, Bachschmerzen, müde…). Mir fällt es dann immer schwer, Anteilnahme zu zeigen und frage mich manchmal, ob ich da mittlerweile abgestumpft bin und das mich auch ein wenig zum Außenseiter macht. Ich glaube, Menschen versuchen sich teilweise auch sozial zu verbinden, indem sie Mitleid zeigen, ob fake oder echt. Andererseits: Mir geht’s auch nicht immer pralle, aber ich laber damit auch nicht jeden zu, also lasst mich in Ruhe. 😛
    Auf der anderen Seite, als ich jetzt von einem ziemlich entfernten Bekannten erfahren habe, dass seine Frau gestorben ist; da hatte ich kurz Tränen in den Augen, da fühle ich tief mit. Oder es ist vielmehr das Hineinversetzen in die Situation des Anderen und das Nachempfinden wie es wäre, als würde man selbst einen geliebten Menschen verlieren, denke ich.

    Mitleid kann aber noch viel größer werden, wenn es einen bewegt, anderen, völlig fremden Menschen zu helfen, siehe Flüchtlingskrise. Mitleid und Mitgefühl war es doch, die viele Menschen bewogen hat, den Geflüchteten zu helfen, oder? Ziemlich großartig also. 🙂 Überhaupt denke ich, dass Moral nur funktioniert, weil wir uns in andere hineinversetzen können. Das funktioniert aber leider nicht bei jedem Mensch gleich gut, ansonsten wäre die Erde ein Paradies.

    Aber du hast Recht, dieses Selbstmitleid mag ich auch nicht. Ok, ich gebe zu, manchmal hatte ich auch diese fünf Minuten, wo man einfach leiden will und keine schlauen Ratschläge, aber das geht glücklicherweise schnell vorbei. 😀 Du bist eine gute Freundin, dass du versuchst aktiv zu helfen, aber zuallererst muss man sich immer selbst helfen wollen!
    Hach, dein Beitrag hat mich ganz schön ins Plaudern gebracht. 😀

    • Antworten

      Lena B.

      April 10, 2017

      Hey Jana!
      Danke für diesen schönen Kommentar. Freut mich, dass du dich so mit meinem Beitrag auseinander gesetzt hast und verstehst, was ich meine.
      Du sprichst ein interessantes Thema an: Dass Mitleid uns zu Hilfsbereitschaft bewegt. Das ist unglaublich wichtig und wahrscheinlich auch dadurch zu erklären, dass der Mensch dazu in der Lage ist, sich in die Lage anderer hineinzuversetzen. Zu oft tun das Menschen leider auch überhaupt nicht. Setzen andere Menschen unter sich selbst, sagen seien weniger Wert. Auch zum Thema Flüchtlingskrise. Ist allerdings ein anderes Thema, worauf ich hier nicht weiter eingehen möchte.
      Zwischenmenschlich bzw. in direkter Kommunikation aufrichtiges Mitleid auszudrücken ist allerdings doch nochmal was anderes. Da kommt es natürlich auch stark darauf an, worum es geht. Wenn die Frau eines Freundes stirbt ist man als Freundin natürlich in der Lage aufrichtiges Mitleid zu empfinden und so sollte das auch sein.
      Guck, ich komme direkt auch wieder ins plaudern 😀

      LG Lena

LEAVE A COMMENT